Das Leben hat Sinn für Ironie
von
Franziska Rothamel
| 03.06.2026
Man könne es versuchen
Schon als Grundschülerin in Potsdam war für mich klar: Ich wollte Abitur machen und studieren. Dass mein Weg mich eines Tages in die Geisteswissenschaften – und schließlich sogar in den Öffentlichen Dienst – führen würde, hätte ich damals allerdings nie gedacht.
Meine schulischen Leistungen waren gut bis sehr gut. Dennoch fiel die Empfehlung fürs Gymnasium eher vorsichtig aus. Man könne es versuchen, hieß es. Eine eindeutige Empfehlung war das nicht. Für mich reichte es trotzdem. Ich wollte diesen Weg gehen – und ich ging ihn.
Lange Zeit war ich überzeugt, Medizin studieren und Rechtsmedizinerin werden zu wollen. Bis Theorie und Praxis aufeinandertrafen. Im Biologie-Leistungskurs lernte ich nicht nur Fachliches, sondern auch etwas über mich selbst: Ich konnte mir vieles ansehen, aber nicht alles anfassen. Medizin war damit vom Tisch.
Mein Vater hatte klare Vorstellungen von einem sicheren Berufsweg – Finanzökonomie vielleicht oder der Zoll. Verbeamtung galt ihm als erstrebenswertes Ziel. Für mich war genau das lange undenkbar. Auf keinen Fall wollte ich „am Schreibtisch in irgendeinem Büro enden“. Dass das Leben einen gewissen Sinn für Ironie besitzt, würde ich später noch lernen.
Nicht geradeaus
Nach dem Abitur entschied ich mich zunächst für Geoökologie an der Universität Potsdam. Zwei Semester später wurde allerdings deutlich, dass Chemie und Mathematik wohl nie meine großen Stärken werden würden. Ich brach das Studium ab und begann noch einmal neu – diesmal mit Geschichte und Philosophie.
Auf die Frage, was man damit später machen könne, antwortete ich oft halb scherzhaft: „Alles und nichts. Oder Taxifahren.“
Während des Studiums lernte ich meinen späteren Mann kennen, einen Maschinenbauingenieur, und wir wurden Eltern unseres ersten Kindes. Berufliche Perspektiven führten uns schließlich auf die Schwäbische Alb – mein Studium noch nicht abgeschlossen, der Alltag längst ein anderer geworden.
Später als gedacht
Die Vereinbarkeit von Studium und Familie war schwierig. Kinderbetreuung gab es nur begrenzt, vieles musste improvisiert werden. Ohne eine außergewöhnlich engagierte Tagesmutter hätte ich mein Studium vermutlich nicht abschließen können. Nach zehn Semestern hatte ich endlich meinen Studienabschluss als Magistra Artium (M.A.) in Geschichte und Philosophie in der Tasche.
Und dann stand die große Frage im Raum: Wie sollte es beruflich weitergehen?
Mit Kind und geisteswissenschaftlichem Abschluss waren die beruflichen Perspektiven zunächst überschaubar. Zwei weitere Elternzeiten folgten, unsere Familie wuchs, Erwerbsarbeit rückte in den Hintergrund.
Dabei war für mich immer klar gewesen, dass ich arbeiten würde. Als Frau des Jahrgangs 1982, aufgewachsen in Potsdam, war das keine Frage von Selbstverwirklichung, sondern Selbstverständlichkeit. Mein beruflicher Einstieg verschob sich dennoch – deutlich länger als gedacht.
Fünf Jahre Taiwan
Eine unerwartete Wendung brachte schließlich Taiwan. Aus einem geplanten zweijährigen Aufenthalt wurden fünf Jahre im Ausland. Als sogenannte Expatwife engagierte ich mich ehrenamtlich in der Deutschen Sektion der Taipei European School – zunächst im Elternbeirat, später im Schulvorstand.
Diese Zeit veränderte meinen Blick auf mich selbst. Ich organisierte, vermittelte, übernahm Verantwortung und lernte Fähigkeiten an mir kennen, die ich zuvor nie bewusst als Stärke wahrgenommen hatte.
Wer nicht wagt ...
Zurück in Deutschland wollte ich mich beruflich neu orientieren. Eigentlich hatte ich einen Plan – doch dann fiel mir zufällig eine Stellenausschreibung des Kreisarchivs Ostalbkreis in die Hände. Ausgeschrieben war eine Stelle für eine studentische Hilfskraft – ich bewarb mich trotzdem und bekam die Stelle.
Zum ersten Mal konnte ich mein Wissen praktisch einsetzen. Ich recherchierte historische Bildquellen, arbeitete an einem Jubiläumsband mit und lernte die Archivarbeit kennen. Schnell wurde mir klar: Das könnte mein beruflicher Weg sein.
Nach Ablauf der Befristung bewarb ich mich weiter – und stand plötzlich vor der Wahl zwischen zwei spannenden Stellen im Archivbereich.
Ausgerechnet Öffentlicher Dienst
Ich entschied mich für das Stadtarchiv Dinkelsbühl und damit für den vermeintlich sicheren Weg im Öffentlichen Dienst.
Ironischerweise genau jener Bereich, den ich früher kategorisch ausgeschlossen hatte.
Heute verantworte ich die Arbeit in Registratur und Stadtarchiv, begleite Nutzerinnen und Nutzer bei Recherchen, arbeite an Fragen der Schriftgutverwaltung, erschließe Bestände und trage dazu bei, das kulturelle Gedächtnis einer Stadt zu bewahren und zugänglich zu machen.
Was mich an dieser Arbeit begeistert, ist ihre Vielseitigkeit – und die Verbindung von Ordnung, Geschichte und Entdeckung. Kein Tag gleicht dem anderen. Fachwissen, das mir fehlt, eigne ich mir an. Herausforderungen gehören dazu.
Ankommen
Und auch wenn nicht immer alles perfekt läuft, weiß ich heute: Ich habe meinen Traumjob gefunden.
Geschichte ist nie abgeschlossen. Wir leben mitten im Wandel – und ich darf ihn als Archivarin nicht nur beobachten, sondern ein kleines Stück mitgestalten.