Zwischen Sprachwissenschaft und Unternehmerinnentum

Dr. Simone Burel

von Dr. Simone Burel LinkedIn-Logo | 21.05.2026

Geisteswissenschaften Germanistik Linguistik Psycholinguistik Genderlinguistik Anglistik Pädagogik

Mein Weg zwischen Sprachwissenschaft und Unternehmerinnentum

Wenn ich heute aus meiner Position als promovierte Sprachwissenschaftlerin, Unternehmerin und Gründerin der ersten linguistischen Unternehmensberatung in Deutschland auf meinen Weg zurückblicke, wirkt er von außen oft klar und fast schon vorbildlich. Die Realität dahinter war lange deutlich komplexer – und für mich persönlich auch mitunter belastend. Viele Dinge haben sich erst verändert, als ich angefangen habe, offener mit meiner hybriden Identität als Wissenschaftlerin und Unternehmerin sowie mit meiner Neurodivergenz umzugehen und meine eigene Perspektive nicht mehr zu verstecken. Ich hatte das Gefühl, dass ich nirgendwo reinpasse oder mich wohlfühle. Ein sehr treffendes Beispiel ist, dass ich bis heute nicht gern vor 11 Uhr am Schreibtisch sitze oder gar in Gremien oder Meetings. In den meisten Jobs war das aber schlicht nicht machbar – somit musste ich meine eigene Lebenswelt schaffen, in der ich existieren kann: ich gründete.

Mittlerweile habe ich zwei Unternehmen gegründet und eines gekauft, bin aber immer noch als Wissenschaftlerin tätig, u. a. als Herausgeberin der Buchreihe Sprache und Wirtschaft oder als Fachbeirätin im Magazin Diversity in Recht und Wirtschaft. Ich erschließe mir die Welt schreibend, das hat sich nicht geändert. Schon während meines Studiums in Germanistik, Anglistik und Pädagogik wurde mir bewusst, dass Sprache weit mehr ist als ein Mittel zur Kommunikation. Sie schafft Identität und Zugehörigkeit, schließt Menschen ein oder grenzt sie aus. Mich interessierten dabei viele Themen: die Zusammenhänge zwischen Denken und Sprache in der Psycholinguistik, Geschlechterkonstruktionen in der Genderlinguistik, aber auch Fachsprache in klassischen Macht-Domänen wie Medizin, Politik oder Wirtschaft. In meiner Magisterarbeit habe ich die Sprache der 68er-Bewegung untersucht und mich sehr damit identifizieren können: Sie war spontan-intuitiv, gerechtigkeitssuchend und hat damals zur Demokratisierung der Gesellschaft beigetragen, die noch stark in autoritären Normen und ihrer NS-Vergangenheitsbewältigung steckte – durch die 68er sind Wörter wie Studi oder Azubi entstanden und Eltern durften endlich geduzt werden – beides Formen der sprachlichen Herstellung von Nähe.

Mich hat diese transformative Kraft der Sprache sehr berührt. Eigentlich wollte ich darüber auch meine Dissertation schreiben, doch dann besuchte ich durch Zufall ein Seminar über Leitbilder und Geschäftsberichte von DAX-Unternehmen, von denen ich ebenfalls fasziniert war: ich fand sie nichts- und gleichzeitig so vielsagend und wollte herausfinden, wie Organisationen sich durch Sprache darstellen, welche Werte sie sichtbar machen und welche sie vielleicht unbewusst verschleiern. Diese Fragestellungen haben mich dann in meiner Promotion über die Sprache von DAX-Unternehmen beschäftigt (siehe auch mein Handbuch „Neurodiversität in der Arbeitswelt“).

Sprache als Schlüssel zu Macht und Gesellschaft

Der Übergang von der Wissenschaft in die Wirtschaft war für mich jedoch eine der größten Herausforderungen. Bevor ich gegründet habe, bin ich erst in ein Finanzunternehmen eingestiegen und sollte dort die Unternehmenskommunikation aufbauen. Dort habe ich sehr konkret gelernt, wie Organisationen „ticken“: wie Entscheidungen entstehen, wie Macht über Sprache läuft, und auch, wie schnell eine geisteswissenschaftliche Perspektive als „nett, aber nicht businessrelevant“ abgelegt wird. Gerade als promovierte Linguistin musste ich mich nicht nur fachlich behaupten, sondern auch gegen Rollenbilder und Abwertungen ankämpfen, die in männlich geprägten Umfeldern erstaunlich normal wirken – vom herablassenden Ton bis zu Labels.

Diese Phase war nicht der glatte Einstieg, aber sie hat mir den Blick geschärft: für die Wirkung von Sprache und Macht im Alltag, für die Widersprüche zwischen Image und Realität, und letztlich auch dafür, wie viel es mir bedeutet nach meinen eigenen ethischen Maßstäben zu leben und zu arbeiten. Ich hatte schon damals keine Lust auf Statussymbole wie große Büros, dicke Autos, gekünstelte Höflichkeitsfloskeln oder Arbeit ohne gesellschaftlichen Impact.

Zwischen Wissenschaft und Wirtschaft

Nach den Erlebnissen in diesem ersten Job außerhalb der Wissenschaft landete ich allerdings erst einmal mit Burn-out in einer psychosomatischen Klinik, da ich unter enormen Panikattacken litt, u. a. weil ich das Gefühl hatte, nie einen solchen Arbeitsplatz zu finden, an dem ich gern sein wollte. Die Idee zur Gründung meines eigenen Unternehmens entstand dann eher zufällig, da ich mich schon immer selbst finanzieren wollte (und musste) und daher überlegte, die analysierten DAX-Unternehmen aus meiner Forschung anzuschreiben und ihnen meine Ergebnisse schmackhaft zu machen. Ich hatte erkannt, dass Unternehmen ihre wichtigsten Daten oft gar nicht aktiv nutzten: Sprache. Rund 80 % aller Unternehmensdaten bestehen aus Texten und Kommunikation, die vor dem Einzug von KI selten systematisch analysiert wurden.

Genau hier setzte ich an und konnte zudem auf viel Erfahrung im kommunikativen Umgang mit Menschen setzen – quasi Vertriebserfahrung – da ich immer während Studium und Promotion in Nebenjobs Geld verdient hatte. Von klassischer Telefonakquise bis hin zum Chiquita-Bananen-Kostüm: ich war es gewohnt, Menschen Produkte oder Dienstleistungen zu erklären, die sie erst einmal nicht beabsichtigt hatten, zu kaufen.

Burn-out, Panikattacken und die Idee zur Gründung

2015 gründete ich dann die LUB GmbH – Linguistische Unternehmensberatung als Brücke zwischen wissenschaftlicher Sprachforschung und unternehmerischer Praxis. Der Einstieg war nicht einfach. Die ersten Reaktionen auf meine Gründung waren gemischt. Einige Unternehmen waren sogleich interessiert, andere hatten Zweifel daran, ob sie für bessere Sprache wirklich Geld ausgeben wollten. Besonders herausfordernd war es, den Nutzen meiner Arbeit messbar zu machen, da viele Effekte von Sprache und Kommunikation erst indirekt sichtbar werden. Trotzdem habe ich daran festgehalten, dass Sprache ein zentraler Hebel für mehr Verständlichkeit, Transparenz und damit auch Inklusion in Unternehmen ist.

Heute arbeite ich als geschäftsführende Gesellschafterin der LUB GmbH und habe mit der diversity company 2019 eine weitere Marke aufgebaut. Mit Fairlanguage ist seit 2023 im Rahmen eines M&A-Prozesses eine zusätzliche Marke Teil unseres Portfolios geworden. Hier haben wir uns besonders auf inklusive Sprache und Diversity-Beratung spezialisiert, was unsere Kund*innen seit ca. 10 Jahren aktiv nachfragten. Meine Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Sprache, Macht und gesellschaftlichem Wandel. Mein Team und ich beraten Organisationen dabei, ihre Kommunikation bewusster zu gestalten sowie Diversity und Inklusion strukturell darin zu verankern.

Die Gründung der LUB GmbH

Seit 2022 habe ich auch meine „private Seite“ öffentlich gemacht, d. h., dass ich, seit ich denken kann, mit chronischen Krankheiten und anderen Neurodivergenzen, u. a. mit Schmerzen oder meinem Tinnitus Claus zusammenlebe 😊 Diese Erfahrungen haben mich auch als Unternehmerin sehr geprägt – ich habe viel ausprobiert und bin teilweise enorme wirtschaftliche Risiken eingegangen – ich wusste aber immer, dass nichts so schlimm sein kann wie eine Panikattacke. Daher habe ich es einfach durchgezogen, und oft hat es zum Erfolg geführt.

Gleichzeitig ist mir bewusst, wie wertvoll und fragil (mentale) Gesundheit ist. Neurodiversität ist inzwischen eines meiner Forschungsthemen geworden und derzeit unser erfolgreichster Bereich für Vorträge, Workshops oder neuroinklusive Sprache. Unternehmen wie IKEA haben wir beispielsweise geholfen, Einkauferlebnisse reizsensibel und damit auch zugänglich für neurodivergente Menschen zu machen. Wenn ich selbst das Gefühl habe, zu sehr überreizt zu sein, ziehe ich mich gern für ein paar Wochen aus dem Alltagsgeschäft zurück und arbeite an neuen Buchprojekten (Im Juli erscheint die zweite Auflage meines Praxisleitfadens zu Neurodiversität in der Arbeitswelt).

Neurodiversität, Unternehmertum und gesellschaftlicher Wandel

Inzwischen verstehe ich Unternehmerinnentum nicht als rein wirtschaftlichen Prozess, sondern als eine ebenso große soziale Aufgabe. Meine Arbeit basiert auf der Überzeugung, dass Sprache Gesellschaft formt. Wer die Sprache verändert, verändert auch Strukturen, Denkmuster und letztlich die Welt selbst. Ich bin davon überzeugt, dass auch durch die Verwendung von weniger gewaltvoller Sprache Konflikte deeskaliert werden könnten und wir mehr sozialen Frieden finden würden – und damit automatisch weniger Ausbeutung, Kriege und planetare Zerstörung.

Rückblickend erkenne ich heute deutlich, wie stark mein Studium meinen Weg geprägt hat. Ich bin stolz, Geisteswissenschaftlerin zu sein und habe an der Universität die Werkzeuge gelernt, um Sprache und Denken zu ergründen und Wechselwirkungen von Sprache, Macht und Gesellschaft zu verstehen. Die größte Hürde war nie der fachliche Weg selbst, sondern ihn konsequent weiterzudenken und gegen Widerstände umzusetzen. Genau darin liegt jedoch der Kern meiner Arbeit: progressive Perspektiven sichtbar zu machen – und ihnen im System Struktur zu geben.

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